1. Vom Zweifel zum Glauben

Einer der Ausleger Dostojewskijs, Michail Bachtin, charakterisierte sein Werk als „vielstimmig“, d.h. daß auch nichtoderantichristliche Positionen formuliert werden, und zwar nicht als Karikaturen. Gerade das hat Denker wie Camusoder Nietzsche angezogen: Sie wußten sich ernstgenommen und verstanden.Dostojewskij selbst hat in seinem Leben Zweifel erlebt: intellektuellen Zweifel, vor allem aber existentiellen Zweifel.

Das Erleben der inszenierten Hinrichtung in St. Petersburg, die Haftjahre in Sibirien, eine schwere Erkrankung(Epilepsie) und nicht zuletzt der frühe Tod seiner ersten Frau und zweier seiner Kinder haben ihn stark geprägt. DieseLeiderfahrungen mußte und wollte er zusammendenken mit seinen Vorstellungen von Gott, von Jesus Christus, von derAuferstehung.

Die Frage des Atheismus ist für ihn allerdings weniger eine Frage des Zweifels als vielmehr der Gleichgültigkeit. In„Die Dämonen“ beispielsweise wird zweimal ein Wort aus der Offenbarung zitiert: „Daß du heiß oder kalt wärest, dubist aber lau.“( Off. 3,15f). Diese Lauheit, Gleichgültigkeit, ist das eigentliche Problem des Menschen. Zentral fürDostojewskijs Haltung an diesem Punkt sind Nathanael und Thomas, die beiden Zweifler aus dem Johannesevangelium. Christus tadelt ihren Zweifel in keiner Weise. Auf Nathanaels skeptische Frage „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ antwortet ihm Jesus: „Du bist ein wahrer Israelit ohne Falsch!“(Joh. 1,46f) Weder Nathanael nochThomas sind gleichgültig. Als sie die Wahrheit über Jesus erkennen, lassen sie sich überzeugen.

Dostojewskij und das Neue Testament

Der norwegische Dostojewskij-Forscher Kjetsaa hat 1983 das NT Dostojewskijs (es befand sich im Lenin-Museum inMoskau) auf die Frage hin ausgewertet, welche Stellen er angestrichen und kommentiert hatte und inwieweit sich dieseStellen in seinen Romanen wiederfinden. Besonders häufig (über 60 Stellen) finden sich Anmerkungen imJohannesevangelium; bei den Synoptikern sind es insgesamt etwa 20 markierte Stellen. Man kann diese Stellen drei Themen zuordnen:

1) Wie kommt ein Mensch vom Zweifel zum Glauben?

Hier strich Dostojewskij z.B. die Berichte von Jesu Gesprächen mit Nathanael (Joh. 1,45ff) und Thomas (Joh. 20,24ff)an, dem ersten und dem letzten Zweifler im Johannesevangelium.

2) Thema Auferstehung

Dazu ist z. B. eine Selbstaussage Jesu angestrichen: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben, und ich werdeihn auferwecken“ (Joh. 6,40). Auch die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus, die in Schuld und Sühne ineinem wichtigen Gespräch zwischen Sonja und Raskolnikow wiedergegeben wird, ist markiert worden.

3) Wer ist Christus?

Zu dieser Frage sind u.a. Selbstaussagen Jesu angestrichen worden: “Ich und der Vater sind eins“ (Joh. 10,30), „Ichbin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh. 14,6), „Wer mich sieht,sieht den Vater“(Joh. 14,9).Kürzere oder längere Zitate aus dem NT finden sich auch in seinen Romanen: In „Die Dämonen“ steht die Stelle, in derChristus den Dämonen befiehlt, in die Schweine zu fahren und diese sich dann ersäufen, als ein Motto am Anfang und wird später ausgelegt (Lk. 8,32-36). Joh. 12,24: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es in die Erde fällt und stirbt, bringt es viel Frucht.“ ist das Motto zu „Die Brüder Karamasow“ – und übrigens Dostojewskijs Grabinschrift. Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus (Joh. 11,) wird ausführlich in „Schuld und Sühne“ erzählt. Die Versuchungsgeschichte (Mt. 4,1-11) wird in der Geschichte vom Großinquisitor – aus dessen Perspektive – erzählt. Mit dem Thema Auferstehung schließen mehrere Romane: „Aufzeichnung aus einem Totenhaus“, „Schuld und Sühne“ und auch „Die Brüder Karamasow“.

2. Gespaltenheit des Menschen

Wie kann ein gespaltener Mensch heil werden? Das ist die grundlegende Frage Dostojewskijs, die sich nicht nur im„Doppelgänger“ stellt. Raskol - Raskolnikow - heißt eigentlich: der Abgespaltene, abgespalten von seiner Familie, seinem Volk und auch von seiner Kirche. Wenn Dostojewskij von der Heilung eines gespaltenen Menschen berichtet, dann gehen diesem Heilungsprozeß immer Reue und Buße voraus. Die wesentliche Botschaft des Starez Sosima in „Die Brüder Karamasow“ ist: Der Mensch darf niemals die Fähigkeit zur Reue verlieren. Ein Mensch, der seine Lebenslüge nicht ablegen will, dem kann nicht mehr geholfen werden. Er kann nicht mehr zu Gott, der die Menschen liebt, umkehren. Interessant bei der Darstellung der Personen Dostojewskijs ist, daß die Umkehr aus Reue von jedem Punkt des Lebens aus möglich ist, egal, wie verfahren die Situation, wie groß die Schuld auch ist. Manche der Familiengeschichten in Dostojewskijs Romanen sind ja außerordentlich verkorkst. Die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sind z.T. kaum noch Beziehung zu nennen. Die Hauptpersonen sind Anfang bis Mitte Zwanzig, ein Alter der Lebensentscheidungen. Aber auch bei älteren Menschen ist noch eine Umkehr denkbar, manchmal kurz vor ihrem Tod. Stawrogin – nach Thomas Mann die rätselhafteste Figur der Weltliteratur – ist ein zutiefst gespaltener Mensch: Er zieht andere Menschen an, hat eine starke Wirkung auf sie, ist aber unfähig, sich zu ändern, Reue zu empfinden, einen Menschen zu lieben, sich an ihn zu binden. Ein entwurzelter Skeptiker, der im Selbstmord endet. Eine Begebenheit aus dem Leben Dostojewskijs – eigentlich eher von seinem Sterben –, die sein Denken über Umkehr noch einmal ganz deutlich werden läßt, unterstreicht dies: Als Dostojewskij fühlte, daß er bald sterben würde, rief er Frau und Kinder zu sich und ließ ihnen das Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Luk. 15) vorlesen - als Vermächtnis gewissermaßen. Seine Auslegung dazu: Eltern lieben ihre Kinder, aber Gott liebt uns noch mehr, als Eltern ihre Kinder lieben können. Umkehr zu Gott ist von jedem Punkt unseres Lebens möglich, egal, wie weit wir uns von ihm entfernt haben.

3. Die Freiheit des Menschen

Reue und Umkehr sind eine Frage der eigenen Entscheidung - d.h. auch der Freiheit des Menschen. Es ist in die Freiheit eines Menschen gestellt, ob er weiter in seiner Lebenslüge verharren will oder nicht. Innerhalb dieser Lebensentscheidungen gibt es nach Dostojewskij eine wichtige Frage, vor der jeder Mensch steht, nämlich ob er seine Idee vom Leben bewahren will oder aber ob er sich auf die Suche nach dem echten Leben machen will. Vielleicht hat ein Mensch ein gedankliches System entwickelt, wie er die Welt sehen, in ihr leben und sie möglicherweise auch verändern will. Verharrt er ohne Seitenblick stur in diesem System – dann wird er dem wahren Leben nicht begegnen. Ein Gegenbeispiel ist Raskolnikow in „Schuld und Sühne“. Aus der Begegnung mit Sonja, die ihn liebt, schöpft er Kraft zum Neuanfang, zum Leben. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist auch, daß der Starez Sosima (in „Die Brüder Karamasow“) keine Ideen, keine Theorie weitergibt, sondern Geschichten, Lebensgeschichten erzählt.

Die Antwort auf die Frage nach dem Leid der Welt und der Liebe Gottes wird nicht in der Theorie gegeben, sondern in Vorbildern, in Menschen, die trotz Leid und Hoffnungslosigkeit leben. Auch das Zentrum des Neuen Testaments sind nicht theoretische Antworten, sondern das Leben, Sterben und die Auferstehung Jesu von den Toten. Eine weitere Lebensentscheidung, die jeder Mensch zu treffen hat: Ob er als Mensch Gott werden will – oder ob er akzeptieren will, daß Gott Mensch geworden ist – für ihn. Ein Konflikt, in jedem Leben: sein zu wollen wie Gott. In den großen Werken Dostojewskijs gibt es fast immer einen Mord, nach Berdjajew wird in der Ermordung eines anderen Menschen am stärksten der Gedanke ausgedrückt: Ich bin Herr, ich habe die Macht, dieses Leben zu beenden – nicht Gott. Im Verbrechen setzt sich der Mensch an die Stelle Gottes.

4. „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.“

Diese These Dostojewskijs hat Jean-Paul Sartre so fasziniert, daß er sie zum Ausgangspunkt seines Existentialismus gemacht hat.

Über Dostojewskij

Sartre: Dostojewskij hatte geschrieben: „Wenn Gott nicht existierte, so wäre alles erlaubt.“ Da ist der Ausgangspunkt des Existentialismus.

Nietzsche: Der glücklichste Zufall meines Lebens war die Begegnung mit Dostojewskij...Der einzige Psychologe von dem ich etwas gelernt habe, war Dostojewskij.

Aufsätze über Dostojewskij schrieben u.a., Hermann Hesse („Blick ins Chaos“), der (wie später Camus) bereits im Jahre 1920 die Bezeichnung „Prophet des zwanzigsten Jahrhunderts“ für Dostojewskij gebrauchte.

Thomas Mann nannte seinen Artikel: „Dostojewskij mit Maßen“; S. Freud: „Dostojewskij und die Vatertötung“;

Alfred Adler war vor allem von der Aussage Dostojewskijs beeindruckt: „Man erkennt einen Menschen am Lachen.“.

In den zwanziger Jahren hatte Dostojewskij auch einigen Einfluß auf die dialektische Theologie: Karl Bart zitierte in seinem berühmten Römerbriefkommentar aus dem Jahre 1926 nur Luther häufiger als Dostojewskij; Barths Freund

Thurneysen schrieb sogar eine kleine Dostojewskijmonographie.

Im Jahre 1977 wurde im deutschen Fernsehen eine Verfilmung der Dämonen gezeigt. In diesem Jahr erreichten die Terroranschläge der „RAF“ ihren Höhepunkt. Vor der Ausstrahlung des dritten Teils der Dämonen mußte die Ansagerin darauf hinweisen, daß die Dialoge des Romans nicht aktualisiert worden waren; es hatte nämlich zahlreiche Briefe gegeben, in denen diese Meinung zum Ausdruck gebracht worden war.

Der Mensch, der davon ausgeht, daß es keinen Gott gibt, kann z.B. die Menschheit in zwei Gruppen einteilen. Nämlich in die Menschen, die herrschen, und diejenigen, die beherrscht werden, vielleicht sogar freiwillig ihre Freiheit aufgeben und sich gerne unterwerfen lassen. Am klarsten ist diese Unterscheidung dargestellt in „Schuld und Sühne“, aber auch in der Person des Schigaljew in „Die Dämonen“. Er stellt die Theorie einer sozialen Gesellschaft auf und will – anfänglich – Freiheit für alle. Aber, so sagt er resigniert, das Leben ist nicht anders zu organisieren als so, daß 10% herrschen über 90%. Diese 90% wollen vielleicht sogar diese Machtverteilung. Sie, so heißt es an einer Stelle in den Dämonen, freuen sich ja, wenn es Glaspaläste gibt, Volkstanz und Konzerte – mehr wollen sie gar nicht. Wenn es keinen Gott gibt, dann kann man auch ein paar Millionen Menschen, die dem Aufbau einer besseren Gesellschaft im Weg stehen, beseitigen. Es geschieht ja im Blick auf ein höheres Ziel.

„Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt.“ Das ist ein Gedanke, der in Dostojewskijs Werken immer wieder durchgespielt wird. Wenn man z.B. diese wirklich verhaßte Pfandleiherin (in „Schuld und Sühne“) umbringt - wieviel Gutes könnte man nicht mit ihrem Geld tun! Diese Frau kann man nicht Mensch nennen, sie ist eine Laus. Für Dostojewskij ist der Mensch Gottes Schöpfung, nach seinem Bilde geschaffen. Und deshalb darf man einen anderen Menschen nicht als Mittel einem noch so guten Zweck opfern. In jedem Menschen, und mag er noch so korrumpiert, noch so tief gesunken sein, spiegelt sich Gottes Bild wider. Von daher hat der Mensch seine Würde, trotz seiner Schuld. Andere haben nicht das Recht, ihn nach seiner Nützlichkeit oder gar nach der Nützlichkeit seines Todes zu bewerten.

Für Dostojewskij sind die Person Christi und die Tatsache seiner Auferstehung das Zentrum des Evangeliums. Entweder ist Christus auferstanden – oder ich begehe Selbstmord. Die Helden Dostojewskijs leben zwischen diesen Extremen, die konsequenten unter ihnen, nicht alle, kommen entweder zu Christus oder begehen Selbstmord. Daß es nicht alle tun, hängt mit etwas zusammen, was Camus so formuliert hat: „Es ist leicht, logisch zu sein; aber es ist schwer, logisch zu sein bis zum Ende.“ Die Auferstehung Christi ist der Eckstein des Glaubens bei Dostojewskij, Christus ist also nicht nur ein Vorbild im ethischen Handeln, er ist Sieger über den Tod. Das Evangelium öffnet sich Dostojewskij als ein Buch über die Auferstehung. Alle Tragik und Absurdität des Lebens sieht er in der Auferstehung überwunden. Die Auferstehung hat stattgefunden in der Geschichte, und sie hat Heilsauswirkung bis in die Gegenwart hinein. Was könnte man – innerhalb der Grenzen dieses Weltgeschehens – Iwan Karamasow antworten, der angesichts des Todes kleiner Kinder seine Eintrittskarte in diese Welt zurückgeben will? In dieser Welt wird das Leid nicht aufgehoben, in ihr gibt es

keine Antwort – die einzig mögliche Antwort ist die Tatsache der Auferstehung Jesu. Diese Welt mit allem Leid ist  nicht alles. Das Leid ist eine Folge des Abfalls von Gott und die Auferstehung Jesu ist ein neues Kapitel der Geschichte Gottes mit dem Menschen.

Das Leben beginnt für Raskolnikow mit der Lektüre des Neuen Testaments, denn das Evangelium ist das Buch, in dem wir Christus begegnen und in ihm das Leben finden. Davon war Dostojewskij überzeugt.