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                 Dostojewskij,                        Prophet des 20. Jahrhunderts

Dostojewskij wurde 1821 in Moskau geboren. Wider Willen mußte er sich in St. Petersburg zum Ingenieur ausbilden lassen. Statt dessen fĂŒhlte er sich dazu berufen, Schriftsteller zu werden, um sich dadurch mit den wesentlichen Fragen des Menschseins zu beschĂ€ftigen.1846 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Arme Leute“. Der Titel dieses Romans war programmatisch fĂŒr seine weitere TĂ€tigkeit. In seinen Romanen geht es um die armen Leute, um die „Erniedrigten und Beleidigten“. Dieser erste Roman wurde ein großer Erfolg, und er gab seinen Ingenieursberuf auf, um seiner inneren Berufung zu folgen.

1848 schloß Dostojewskij sich dem Petraschwskij-Kreis an, einer Gruppe von Beamten, Schriftstellern, Studenten und Offizieren, die mit den ZustĂ€nden in Rußland unzufrieden waren: Zensur, Justizwesen, Leibeigenschaft. Ein Jahr spĂ€terwurde Dostojewskij wegen Zugehörigkeit zu diesem Kreis verhaftet; direkt vor der, von Zar Nikolaus I. als abschreckendes Schauspiel inszenierten Hinrichtung begnadigt und nach Sibirien geschickt. Dort verbrachte er vier Jahre in schwerer Haft und war anschließend einfacher Soldat. Die Beschreibung des Lagerlebens, der Mitinhaftierten und ihrer Geschichten findet sich im Roman „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“.

Erst 1859 kehrte er in den Westen Rußlands zurĂŒck. In den letzten fĂŒnfzehn Jahren seines Lebens schrieb er u.a. diegroßen Romane, die ihn dann berĂŒhmt gemacht haben: „Schuld und SĂŒhne“, „Der Idiot“, „Die DĂ€monen“, „DerJĂŒngling“ und „Die BrĂŒder Karamasow“. Er starb im Januar 1881.

Der französische Philosoph Albert Camus schrieb im Jahr 1959: „Lange Zeit hat man Marx fĂŒr den Propheten des 20.Jahrhunderts gehalten. Heute weiß man, daß das, was er prophezeite, auf sich warten ließ, und wir erkennen, daßDostojewskij der wahre Prophet war. Er hat die Herrschaft der Großinquisitoren und den Triumph der Macht ĂŒber dieGerechtigkeit vorausgesehen. Ich war 20 Jahre alt, als ich dem Werk Dostojewskijs begegnete, und die ErschĂŒtterung,die mich damals ergriff, hĂ€lt heute, nach mehr als weiteren 20 Jahren, noch an. Ich habe Dostojewskij zuerst liebengelernt, weil er mir die Geheimnisse des menschlichen Wesens enthĂŒllte, aber sehr schnell, in dem Maße wie ich dasDrama meiner Zeit immer grausamer erlebte, habe ich in Dostojewskij den Menschen lieben gelernt, der am tiefsten unsergeschichtliches Schicksal erlebt und ausgedrĂŒckt hat. FĂŒr mich ist in erster Linie Dostojewskij der Schriftsteller, derlange vor Nietzsche den zeitgenössischen Nihilismus erkannte, definierte und seine ungeheuerlichen oderwahnwitzigen Folgen voraussah, und der versuchte, die Botschaft des Heils zu bestimmen. Der Mann, der geschriebenhatte: Die Fragen nach Gott und nach der Unsterblichkeit sind dieselben wie die Fragen des Sozialismus, nur auseinem anderen Blickwinkel gesehen, der wußte, daß von diesem Augenblick an unsere Zivilisation dieses Heil fĂŒr alleoder fĂŒr niemanden fordern wĂŒrde. Aber er wußte auch, daß dieses Heil nicht allen zuteil werden konnte, wenn mandarĂŒber die Leiden auch nur eines einzigen vergaß.“

Vielen geht es wie Camus: sie sind betroffen, wenn sie sich in Dostojewskijs Werken wiedererkennen – in ihrerZerrissenheit, in ihrer Sehnsucht nach Freiheit, in ihrer ErschĂŒtterung ĂŒber Leid und Erniedrigung anderer. Und weiterist der Leser verblĂŒfft darĂŒber, wie ein Mensch im letzten Jahrhundert vorhersehen konnte, wie sich dieses Jahrhundertentwickeln wĂŒrde. Dostojewskij hat prophetisch von der „Heraufkunft des Nihilismus“ gesprochen, und er hatversucht, darauf eine Antwort zu finden: Wie in einer nihilistischen Zeit der Mensch heil werden kann.

Es gibt kaum einen anderen Schriftsteller, der die Denker des 20. Jahrhunderts – Literatur, Philosophie, Theologie – sostark beeinflußt hat wie Dostojewskij. Vor einigen Jahren sagte Solschenizyn in einer Rede zu einer Preisverleihung,daß es im 19. Jahrhundert wohl niemanden gegeben habe, der die totalitĂ€ren Staaten dieses Jahrhunderts so deutlich vorhergesehen hat wie Dostojewskij.

Aus Dostojewskijs Werken wissen wir, daß sein Denken stark vom Neuen Testament geprĂ€gt war. Dessen LektĂŒre hat ihn sein ganzes Leben begleitet.

Auf dem Weg ins Gefangenenlager bekam Dostojewskij 1850 in Omsk ein Neues Testament geschenkt. In der Haft wares das einzige Buch, das zur LektĂŒre freigegeben war. Von diesem Exemplar hat sich Dostojewskij bis zu seinem Todnicht getrennt. Hier fand er Antworten auf die Fragen, die ihn sein Leben lang begleiteten: Wie denn der Mensch in dieser Welt leben kann? und: Ob es Heil gibt angesichts aller Zerrissenheit?